Türchen Nr. 11

Brüderchen und Schwesterchen

Brüderchen und Schwesterchen

Brüderchen und Schwesterchen, illustriert von Carl Offterdinger (1829-1889) (Quelle: Grimmbilder)

Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: „Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr. Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen!“ Sie waren lange gegangen und kamen an ein Brünnlein, das im Rauschen sprach: „Wer aus mir trinkt, wird ein Reh.“ Aber das Brüderchen hatte sich gleich hinabgebeugt und wie die ersten Tropfen auf seine Lippen gekommen waren, lag es da als ein Rehkälbchen. Nun weinte das Schwesterchen und das Rehchen weinte auch. Da sprach das Mädchen: „Sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen.“ Und als sie lange, lange gegangen waren, kamen sie an ein kleines Haus, und weil es leer war, blieben das Mädchen und das Reh dort. Es trug sich aber zu, dass der König des Landes eine große Jagd in dem Wald hielt. Das Rehlein hörte es und wäre gar zu gerne dabei gewesen und bat das Schwesterchen so lange, bis es einwilligte. „Aber,“ sprach es zu ihm, „komm mir ja abends wieder, vor den wilden Jägern schließ ich mein Türlein; und damit ich dich kenne, so klopf und sprich: ‚Mein Schwesterlein, lass mich herein!‘ Und wenn du nicht so sprichst, so schließ ich mein Türlein nicht auf.“ Nun sprang das Rehchen hinaus, und als der König und seine Jäger das Rehlein sahen, jagten sie ihm alle nach. Am Abend schlich ihm ein Jäger nach bis zu dem Häuschen und hörte, wie es rief: „Mein Schwesterlein, lass mich herein!“ Der Jäger ging zum König und erzählte ihm, was er gesehen und gehört hatte.

Und als es die Jagdlust am Morgen hörte, sprach das Reh wieder: „Ich kann’s nicht aushalten, ich muss dabei sein; so bald soll mich keiner kriegen!“ Da konnte das Schwesterchen nicht anders und schloss ihm die Tür auf, und das Rehchen sprang in den Wald. Sobald die Sonne untergegangen war, sprach der König zum Jäger: „Nun komm und zeige mir das Waldhäuschen!“ Und als er vor dem Türlein war, klopfte er an und rief: „Lieb Schwesterlein, lass mich herein!“ Da ging die Tür auf, und der König trat herein, und da stand ein Mädchen, das war so schön, wie er noch keins gesehen hatte. Das Mädchen erschrak, als der König hereinkam. Aber er sah es freundlich an, reichte ihm die Hand und sprach: „Willst du mit mir gehen auf mein Schloss und meine liebe Frau sein?“ – „Ach ja,“ antwortete das Mädchen, „aber das Rehchen muss auch mit, das verlass ich nicht.“ Sprach der König: „Es soll bei dir bleiben, solange du lebst, und soll ihm an nichts fehlen.“

Die böse Stiefmutter aber, die das Brünnlein verwünscht hatte, ward ins Feuer gelegt und musste jammervoll verbrennen. Und wie sie zu Asche verbrannt war, verwandelte sich das Rehkälbchen und erhielt seine menschliche Gestalt wieder; Schwesterchen und Brüderchen aber lebten glücklich zusammen bis an ihr Ende.


Brüderchen und Schwesterchen folgen mit ihrer Hütte im Wald eindeutig dem Trend „Natürlich wohnen“.


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